Turboprop: Wo auch mal der Reißwolf lauert

Die Turboprop Sputnik-Literaturshow dozierte mit Entertainment und Clips am Mittwochabend wieder in Chemnitz. Bei der Veranstaltung der Nachtschicht-Reihe war zu Gast: der junge Autor Andreas Stichmann. Zwischen den beiden lässigen Ledersesselbesetzern Graebel & Nießen hatte er auf dem rot-goldenen Barock-Sessel den Platz des Befragten und Vorlesenden inne. Von hier aus trug er gegen artigen Beifall zwei seiner Texte vor und urteilte im Live-Lektorat kompromisslos mit dem Wolf. Gut fünfzig Leser und Schreiber waren zum „Zimmer frei“ in Sachen Literatur ins Chemnitzer Theaterfoyer gekommen, in der Erwartung auf unterhaltende Literaturlust und womöglich auch Torte.

Unterhaltung wurde z.B. mit einem gereimten Graebel-Gedicht über den Sorben-Spezialist Thorben geboten, welches der angereiste Gast kommentieren sollte. Die Endzeile desselbigen: „Wird das nun teuer oder billig, so ein Gespräch mit Sorben Tillich?“ warf jedoch bei Stichmann nur die Frage auf: „Wer ist Tillich?“ und gab besagtem Wolf etwas Nahrung. In eine Box der gelben Post zerlegte er versandbereit die durchgefallene Reimung.

Die Moderatoren wollen bei Turboprop mit junger deutschsprachiger Literatur „mehr Freude am Buch und Frohsinn am Text“ erregen. Gespielt wird, passend zum Aufführungsort im Schauspielhaus, mit Text-Versatzstücken und Zuschauerbeteiligung. So wie ihr Reißwolf nach den Jahren schwächlicher in seiner Zahneskraft geworden sei, sind anscheinend auch die Hemmungen vor etwas Unsinn und Schärfe verloren gegangen. Schreiben ist hier so ein natürlicher Vorgang wie der Vogelgesang, könnte als Motto dienen. Ihr Stil lebt aus offenbar kultigen Insider-Gags, einigem Nachfragen und der unkonventionellen Vorstellung des Autors.

Der Autor Stichmann ist im blauem Kapuzenpulli und Jeans gekommen und trägt mittellange Haare und Bart. Er hat vier Lebensstationen in Deutschland bestritten, davon erregte Hiddenhausen-Hiddenhausen als zweiter Wohnort nach der Geburt in Bonn (1983) lautmalerische Aufmerksamkeit. Der Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig hat zahlreiche Preise gewonnen und wohnt in Hamburg mit zwanzig Mitbewohnern in einem Künstlerwohnhausprojekt. Mehr Interesse als die deutschen Orte finden aber seine Fernreisen und Aufenthalte in Südafrika und dem Iran. Momentan arbeitet Stichmann an einem neuen Roman, er sei sogar schon zur Hälfte fertig. Eine Liebesgeschichte ohne Titel, die seine Couchsurfing-Reise quer durch den Iran im Frühjahr 2009 verarbeite.

Zwei weitere Details über Andreas Stichmann: beim Schreiben rauche er viel leichten Tabak mit Filter und habe seit sieben Tagen ein Handy, obwohl er bisher „unabsichtlich“ keins hatte.

Stichmann liest zunächst aus seinem 2008 erschienenen Debütwerk, einem Erzählband mit dem Titel „Jackie in Silber“. Dafür erhielt er den Clemens-Brentano-Preis. Das Titelfoto zeige einen tristen Plattenbau, in welchem die titelgebende Person wohne. Die Moderatoren haben mit der Google-Bildersuche den Klappentext übersetzt, auffällig sei beim Bild zur „Kneipengemeinschaft“ die Dominanz des Autors selbst auf Ergebnisseite 1. Dies belege seine Wortschöpfungsurheberschaft an der“Mitfahrgemeinschaft mit Bier“.

Vom gelesenen Text „Alleinstehende Herren“ bleiben als Satzfetzen hängen: „Paul macht jetzt alles“, „Wach auf und sieh dir die neuesten Kettensägen im Fenster an“, der Besuch auf Liselottes „linksradikaler Couch“ sowie die Frage: „Warum ist es nie anders als es ist?“ Weitere Beobachtungen: beim Weiterblättern überknickt Stichmann stets den Buchrücken. Er liest in sich ruhend vor und verspricht sich nur einmal und sagt Nachmittage werden weich, anstatt schwer. Einer der Protagonisten möchte im Hawaiihemd mit Spiegelbrille nach Bora-Bora fliegen und einige Wortschöpfungen und „abgedrehte“ Verstrickungen kommen vor. Bei seinem Verlag ist eine kurze Lese- und Hörprobe von Jackie in Silber zu finden.

Der zweite Text „Warum schon wieder zu Watan?“ handelt von einem Besuch bei einem Drogendealer. Diese Kurzgeschichte hat den MDR-Literaturpreis 2009 bekommen. „Wieg doch das Gras“ ist die wiederkehrende Aufforderung der Besucher, während Watan von seiner Flucht mittels Schleuser über verschneites Gebirge in der Türkei erzählt. Eine Flucht, die er offensichtlich nicht verarbeiten kann, da es über das Erzählen heißt: „das hat er auch schon tausendmal getan“. Die Geschichte gibt es beim mdr als PDF zum Download.

Stichmann verlässt mit dem letzten Zug wieder Chemnitz. Turboprop hingegen feiert in der Region, nämlich am 20.3. in Leipzig zur Buchmesse, sein einhundertstes Showjubiläum.

Demnächst:

Was? Turboprop mit Clemens Meyer und sein Buch „Gewalten“
Wo? Theater Chemnitz, SCHAUSPIELHAUS Foyer
Wann? 1. April, 20 Uhr / Eintritt frei

Kommentare

2 Kommentare zu „Turboprop: Wo auch mal der Reißwolf lauert“

  1. […] Für manche Lesungen braucht nicht nur der Autor einen langen Atem, sondern auch das Publikum eine lange Weile bis es wieder aufwacht. Anders bei der Literaturshow Turboprop von MDR-Sputnik, die im Schauspielhaus in der Nachtschicht läuft (bedeutet: kostenfreier Eintritt). Nicht langatmig und langweilig wird es, wenn junge Autoren von den beiden Moderatoren Graebel & Nießen lässig vorgestellt werden. Eine Show, in der auch mal der Reißwolf lauert. […]

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