Ohrenkino mit Enrico Lübbe

Chemnitz, das ist Stadt der Moderne, Stadt mit Köpfchen, Innovationswerkstatt – so jedenfalls lauten die offiziellen Slogans. Wenn man heute nach Chemnitz fährt, dann fragen einen die meisten allerdings zuerst, ob es dort, im ehemaligen Karl-Marx-Stadt, eigentlich noch dieses ulkige Denkmal gibt, dieses Karl-Marx-Monstrum, diese Skulptur aus Stein und ideologischer Power, sieben mal zehn Meter hoch. Ja – sagt man dann – gibt es noch, steht da. Ansonsten wirkt Chemnitz grau, irgendwie ungeliebt, was die Bausünden der sozialistischen Ära nicht haben ausrichten können, hat der Marktwirtschaftswahn der Nachwendezeit erledigt: Großpaläste von Kaufhof und Saturn-Hansa erdrücken das Renaissance-Rathaus. Bis heute hat die Stadt keine klassische Innenstadt und die breiten Alleen von Chemnitz sind menschenleer. Umso erstaunlicher ist es, was den jungen Schauspielchef Enrico Lübbe dort schon in der zweiten Spielzeit gelingt – Theater erster Güte.

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Über das Wirken des Chemnitzer Schauspieldirektors Enrico Lübbe konnte man schon viel lesen, zuletzt hat der BR einen Beitrag gesendet, aus dem das Eingangszitat stammt und was man hier nachhören kann. Auch wenn man das von der Reporterin gezeichnete postsozialistische Zombieszenario der Innenstadt nicht derart als Gegensatz zum erfolgreichen Schauspiel sehen mag und insbesondere die >>steinerne<< Eigenschaft des Monuments nicht nachvollziehen kann, fragt mancher Besucher doch sicherlich – wer ist eigentlich der Mann hinter all den Premieren und Erfolgen? Eine Frage, die gestern beim vinyl Ohrenkino auf der Vorbühne des Chemnitzer Schauspielhauses im Mittelpunkt stand. Hier in der Nachtschicht stellen die Mitarbeiter des Theaters ihre Lieblingsmusik vor, wie bei vielen Veranstaltungen der Reihe, ohne Eintritt.

In einer netten Plauderei bei Pils und weißen Chrysanthemen mit dem Dramaturg Matthias Huber, erzählten die sechs Songs eine kurze Episode aus Lübbes Leben vom Abi bis zur Leipziger Zeit. Eine grobe Vita und ein „spontan Poesiealbum“ lieferten „Fakten, Fakten, Fakten“. Nun – welche Musik hört der Schauspieldirektor von Chemnitz?

Wie es sich für „Enter Sandman von Metallica“ gehört, hatte Lübbe während des Abis lange Haare. Die Metal-Band hat er vor ihrer kommerziellen Kurzhaar-Zeit in Berlin live gesehen. Danach gibt es von der britischen Band Genesis einen Song aus dem Broadway-Album.

Es folgt der Steckbrief: Lübbe, am 9. April in Schwerin geboren, ist vom Sternzeichen her Widder, er sei sehr ehrgeizig und gehe auch mal mit dem Kopf durch die Wand. Der Vater Kfz-Schlosser, die Mutter Sekretärin, ein älterer Bruder. Seine Kindheit in der DDR sei glücklich gewesen, seine Schule hieß „POS Georgi Dimitroff“. Eigentlich wollte er in der Musik aktiv werden, hatte schon den Weg zur Musikhochschule vorgezeichnet, welcher durch die Wende verloren gegangen sei. Dann das Ziel Kulturjournalist, Studium in Leipzig, danach ist Lübbe ungeplant ins Schauspiel-Fach reingerutscht, da er eigentlich nur recherchieren wollte, unzählige Stationen an Häusern deutschlandweit. Auf die Frage, wie er schließlich Schauspieldirektor in Chemnitz wurde, antwortete er lapidar, dass er gefragt worden sei. Neueste Entwicklung in seinem Leben ist der Mischlingshund Kelly aus dem Tierheim, von dem er seit drei Wochen Herrchen ist.

Wir hören „Mercy Street“ von Peter Gabriel, was Lübbe von der Westverwandtschaft geschenkt bekommen hat und 89/90 beim Zelten hörte. Mit „No moon at all“ plätschert eine vom Publikum nicht erkannte Nana Mouskouri in einem „Sonntags-Frühstücks-Lied“ durch die Lautsprecher. Ein Lied, was er beim Leipziger Studium vom Kommilitone habe, welcher jetzt Prof. für Statistik in Potsdam sei – wir erfahren noch, dass Lübbe die handfeste Sozialforschung im Studium mehr mochte als all das luftige Mediengerede.

Poesiealbum, spontan von Enrico Lübbe, Schauspieldirektor Chemnitz

Lieblingsessen: Schokopudding

Schriftsteller: Arthur Schnitzler

Schauspieler: da gibts viele … Josef Bierbichler

Film: da gibt’s auch viele … Harry und Sally, auch Pretty Woman werde unterschätzt, Oben ist toll

Farbe: grün

Band: Element of Crime, gute Texte, Sven Regener tolle Bücher, norddeutscher Humor [wir hören einen Song von dieser Band]

Tier: [Denkpause, bei zweiter Wiederholung] – Fisch

Bester Freund: sage ich doch hier nicht – viel zu privat

Schauspielerin: jetzt sage ich nicht Julia Roberts [lacht] … die Kleine aus Dirty Dancing hat ja einen Fehler gemacht und sich die Nase operieren lassen und war danach überhaupt nicht mehr gefragt … Corinna  Harfouch

Getränk: auch unterschiedlich… Wein aus Südfrankreich

Wir hören den Song „The Blower’s Daughter“ von Damien Rice, welchen er aus „Hautnah“ mit Julia Roberts kenne. Der letzte Song des Abends ist Yumeji’s Theme aus dem Film „In the mood for love“ von Wong-Kar-Wai, welches er bei einer Inszenierung in Leipzig genutzt habe. Die letzte Frage des Abends lautet, was schwieriger sei, anfangen oder aufhören? Seine spontane Antwort: anfangen, er ergänzt, dass er auf die ähnliche Frage im Stück Goldfischen (Podcast 1, Podcast 2 von dradio.de) den Sonnenaufgang an freien Tagen mag und den Sonnenuntergang an Arbeitstagen.

Tipp 1: Die nächste Vinyl-Session findet am 4. März, 21:30 Uhr im Anschluss an die Grönholm-Methode mit Wenzel Banneyer statt. Der Eintritt ist frei!

Tipp 2: Wer sich jetzt ärgert, dass er Hubers und Lübbes Ohrenkino verpasst hat – ein Mitschnitt wird zwei Mal bei Radio T zu hören sein. Die Erstausstrahlung ist am 21.02. um 20:00 Uhr und die Wiederholung am 06.03. um 13:00 Uhr.

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