Alles Chosy

smac Chemnitz im Mai 2026: Threads, Schocken und verschwundene Gebäude

27. April 2026 8 Min. Lesezeit Chemnitz lebt Redaktion

Manchmal ist ein Museum nicht einfach ein Ort, an dem Dinge in Vitrinen liegen. Manchmal ist es eher ein Knotenpunkt. Für Erinnerungen, für Stadtgeschichte, für Biografien, die fast verschwunden wären. Genau so liest sich das Mai-Programm des smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz.

Im Mittelpunkt steht ab 8. Mai 2026 die Sonderausstellung „Threads – Verflechtungen“. Der Titel klingt erst einmal abstrakt, ist aber ziemlich treffend. Es geht um Fäden, die Menschen verbinden. Um Familien, Orte, Fluchtwege, Erinnerungen. Und um Chemnitz als Stadt, in der diese Geschichten begonnen haben.

Die Ausstellung läuft vom 8. Mai bis 26. Juli 2026 und erzählt die Netzwerke und Lebenswege von 25 ehemals in Chemnitz beheimateten jüdischen Familien. Das smac setzt ihre Biografien zueinander in Beziehung und holt verlorene Geschichten zurück in die Stadt. Nicht als trockene Geschichtstafel, sondern über Fotos, persönliche Gegenstände und die Perspektiven von Nachkommen.

Das ist genau der Punkt, an dem Geschichte aufhört, nur „damals“ zu sein. Plötzlich geht es nicht mehr um abstrakte Zahlen, sondern um Menschen, Familien, Wege und Brüche.

Wenn aus Namen wieder Geschichten werden

Stolpersteine kennt man in Chemnitz. Man sieht sie im Stadtbild, liest Namen, Daten, manchmal nur im Vorübergehen. Sie erinnern an Menschen, die verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden. Aber oft bleibt es bei diesem kurzen Moment: stehen bleiben, lesen, weitergehen.

Die Ausstellung „Threads – Verflechtungen“ will mehr. Sie erzählt einige dieser Lebensgeschichten weiter und stellt zugleich eine Frage, die nicht bequem ist: Aus welchen Gründen werden Menschen ausgegrenzt?

Das ist keine Frage, die nur in die Vergangenheit gehört. Gerade deshalb wirkt die Ausstellung wichtig. Sie verbindet Chemnitzer Stadtgeschichte mit Familiengeschichten, die durch Flucht, Vertreibung und Deportation auseinandergerissen wurden. Gleichzeitig zeigt sie, dass Erinnerung auch wieder Verbindungen schaffen kann – durch Recherche, Gespräche mit Nachkommen und das Zusammenführen von Spuren.

Stadtführung plus Ausstellung: Geschichte bleibt nicht im Museum

Besonders stark ist, dass das smac die Ausstellung nicht nur im Gebäude erzählt. Ab 9. Mai 2026 gibt es jeden Samstag um 15 Uhr eine Stadtführung zur Sonderausstellung.

Dabei geht es zu ausgewählten Lebens- und Arbeitsstätten Chemnitzer Jüdinnen und Juden. Danach folgt der Rundgang durch die Ausstellung. Das ist klug, weil die Geschichten dadurch nicht im Museum eingeschlossen bleiben. Sie führen zurück in die Stadt, auf Straßen, an Gebäude, an Orte, an denen Menschen gelebt, gearbeitet, gehofft haben.

Oder kürzer gesagt: Aus Namen werden wieder Menschen mit Geschichten.

Die Termine im Mai sind:

Samstag, 9. Mai, 15 Uhr
Samstag, 16. Mai, 15 Uhr
Samstag, 23. Mai, 15 Uhr
Samstag, 30. Mai, 15 Uhr

Wiedersehen in Chemnitz: Die erste Generation

Direkt zum Auftakt der Ausstellung gibt es am Freitag, 8. Mai 2026, zwei besondere Programmpunkte.

Um 15 Uhr findet das Gespräch „Die 1. Generation“ statt. Dabei spricht Tana Sachs, Jahrgang 1938, mit Uri Guttmann, geboren 1933. Tana Sachs gilt vermutlich als das letzte vor der Schoa in Chemnitz geborene jüdische Baby. Uri Guttmann floh 1938 gemeinsam mit seiner Mutter Ida Guttmann aus Chemnitz.

Schon diese wenigen Sätze zeigen, wie nah diese Geschichte eigentlich ist. Das ist nicht „irgendwann früher“, sondern Familiengeschichte, Stadtgeschichte, Erinnerungsgeschichte.

Die Stadt Chemnitz lädt Anfang Mai Kinder, Enkel und Urenkel jener jüdischen Menschen ein, die unter dem Nationalsozialismus aus Chemnitz vertrieben wurden. Das smac wird damit auch zu einem Ort des Wiedersehens.

„A path, a prayer“: Flucht als Performance

Ebenfalls am Freitag, 8. Mai 2026, folgt um 16 Uhr die Performance „A path, a prayer“ von Nitsan Margaliot.

Der Choreograf zeichnet mit poetischen Texten, Liedern, Bewegung und historischen Objekten die Flucht seiner Großeltern aus Chemnitz nach. Das klingt nach einem Format, das man nicht einfach „anschaut“, sondern eher erlebt.

Gerade in einem Museum wie dem smac kann so etwas funktionieren: Geschichte nicht nur erklären, sondern körperlich und emotional erfahrbar machen. Nicht jeder Zugang zu Vergangenheit muss über eine Texttafel laufen. Manchmal braucht es Bewegung, Stimme, Stille.

Kaufhaus Schocken: Chemnitzer Ikone mit vielen Schichten

Ein weiterer roter Faden im Mai führt natürlich zum Gebäude selbst. Das smac sitzt im ehemaligen Kaufhaus Schocken, einem der wichtigsten Gebäude der Chemnitzer Moderne.

Am Freitag, 15. Mai 2026, gibt es um 15:30 Uhr die Themenführung „Kaufhaus SCHOCKEN – eine Ikone eröffnet“. Anlass ist der Jahrestag der Eröffnung im Jahr 1930, also vor 96 Jahren.

Die Führung erzählt von der Entstehung des Kaufhauses, seinem Warenangebot, seiner besonderen Unternehmensführung und zentralen Akteuren wie Erich Mendelsohn und Salman Schocken. Gleichzeitig lässt sich daran verfolgen, wie aus einem Kaufhaus später das heutige Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz wurde.

Das ist für Chemnitz besonders spannend, weil das Gebäude selbst ein Stück Stadtgedächtnis ist. Viele kennen es als smac. Andere erinnern sich noch an andere Nutzungen. Und darunter liegt die Geschichte des Schocken-Konzerns, jüdischer Unternehmergeschichte und moderner Architektur.

Kuratorenführungen: Wie entstehen solche Ausstellungen?

Wer tiefer in „Threads – Verflechtungen“ einsteigen möchte, sollte sich die Kuratorenführungen merken.

Am Donnerstag, 21. Mai, und am Donnerstag, 28. Mai 2026, jeweils um 16 Uhr, erzählen die Macherinnen und Macher der Ausstellung von der Entstehung. Dabei geht es um die Geschichten hinter Fotos und Exponaten, um Recherche, Kontaktpflege und die Frage, wie aus einzelnen losen Fäden wieder ein Netz entstehen kann.

Das ist oft der spannendste Blick: nicht nur das fertige Ergebnis sehen, sondern verstehen, wie viel Arbeit dahintersteckt. Gerade bei Familienbiografien, verstreuten Nachkommen und verlorenen Spuren ist Ausstellungsmachen auch Detektivarbeit.

Verschwundene Gebäude: Chemnitz per App zurückholen

Am Donnerstag, 21. Mai 2026, gibt es um 18 Uhr noch einen ganz anderen Zugang zur Stadtgeschichte: den virtuellen Stadtrundgang „Verschwundene Gebäude“.

Mit der App „Chemnitz.ZeitWeise“ reisen Besucherinnen und Besucher zurück in vergangene Stadtbilder. Verschwundene Gebäude aus Chemnitz beziehungsweise Karl-Marx-Stadt werden per Augmented Reality, 3D-Modellen und Zeitzeugenberichten wieder sichtbar.

Das ist ein schönes Gegenstück zur Ausstellung: Auch hier geht es um das, was nicht mehr einfach da ist. Um Lücken im Stadtbild, um Erinnerung, um Rekonstruktion. Nur eben digitaler. Wer teilnehmen möchte, sollte die App vorher kostenfrei aufs Smartphone laden. Alternativ gibt es Leih-Tablets im smac gegen Pfand.

Hans Günter Flieg: Heimat, Exil und Neubeginn

Am Donnerstag, 28. Mai 2026, folgt um 17 Uhr das Gespräch „Die Heimat kann man nicht wechseln wie ein Hemd“.

Im Mittelpunkt steht Hans Günter Flieg, 1923 in Chemnitz als Sohn eines Textilfabrikanten geboren. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte er mit seiner Familie nach Brasilien. In São Paulo gründeten seine Eltern eine Stickerei, während Hans Günter Flieg später als Fotograf erfolgreich wurde.

Historikerin Marlen Eckl spricht mit Daniel Dost über Exil, Heimatverlust, Neubeginn und ihr Buchprojekt. Auch das passt sehr genau in den Monatsschwerpunkt: Chemnitzer Geschichte endet nicht an der Stadtgrenze. Sie führt nach Brasilien, nach New York, in Familienarchive, in Erinnerungen.

Familie Strauß und die Stolpersteine vor dem smac

Am Freitag, 29. Mai 2026, findet um 15:30 Uhr die Führung „Die Familie Strauss“ statt. Anlass ist der Jahrestag der Stolpersteinverlegung 2024.

Vor dem smac erinnern Stolpersteine unter anderem an die Familie Strauß. Die Führung stellt das Projekt Stolpersteine vor, das in Chemnitz erstmals 2007 umgesetzt wurde, und erzählt mehr über Siegfried Strauß, seine Arbeit im Kaufhaus Schocken während der „Arisierung“ und die Schicksale weiterer Mitarbeitender.

Gerade hier wird die Verbindung zwischen Gebäude, Ausstellung und Stadt besonders deutlich. Das ehemalige Kaufhaus Schocken ist nicht nur Kulisse. Es ist Teil der Geschichte.

Barrierearme Angebote im Mai

Das smac hat im Mai auch mehrere barrierearme Formate im Programm. Dazu gehören unter anderem:

Am Samstag, 2. Mai, 14 Uhr, die barrierearme Führung „Das Kaufhaus SCHOCKEN in Chemnitz“ mit Übersetzung in Gebärdensprache.

Am Mittwoch, 13. Mai, 17:30 Uhr, die Telefonführung „Bei Anruf Kultur: Das Kaufhaus SCHOCKEN in Chemnitz“.

Am Freitag, 29. Mai, 15 bis 17 Uhr, die Stille Stunde.

Am Sonntag, 31. Mai, 10:30 Uhr, eine barrierearme Führung in leichter Sprache zum Kaufhaus Schocken.

Das klingt trocken, ist aber wichtig. Kultur ist nur dann wirklich öffentlich, wenn möglichst viele Menschen Zugang bekommen. Beim smac wirkt das im Mai nicht wie ein Zusatz, sondern wie ein fester Teil des Programms.

Kurz eingeordnet: Die wichtigsten Termine im Mai

2. Mai, 14 Uhr
Barrierearme Führung: Das Kaufhaus SCHOCKEN in Chemnitz

8. Mai, 15 Uhr
Gespräch: Wiedersehen in Chemnitz – Die 1. Generation

8. Mai, 16 Uhr
Performance: Wiedersehen in Chemnitz – A path, a prayer

ab 9. Mai, samstags 15 Uhr
Stadtführung und Ausstellungsrundgang zu „Threads – Verflechtungen“

15. Mai, 15:30 Uhr
Kaufhaus SCHOCKEN – Themenführung zum Jahrestag der Eröffnung 1930

21. Mai, 16 Uhr
Kuratorenführung zu „Threads – Verflechtungen“

21. Mai, 18 Uhr
Verschwundene Gebäude – Virtueller Stadtrundgang

28. Mai, 16 Uhr
Kuratorenführung zu „Threads – Verflechtungen“

28. Mai, 17 Uhr
Gespräch: Die Heimat kann man nicht wechseln wie ein Hemd

29. Mai, 15:30 Uhr
Führung zur Familie Strauß und den Stolpersteinen vor dem smac

Fazit: Das smac erzählt im Mai nicht nur Geschichte, sondern Chemnitz

Der Mai 2026 im smac ist dicht. Vielleicht sogar zu dicht, wenn man nur nach „mal schnell Museum“ sucht. Aber genau das macht das Programm interessant.

Es geht um jüdische Familien aus Chemnitz, um Flucht und Deportation, um das Kaufhaus Schocken, um Stolpersteine, um verschwundene Gebäude und um die Frage, wie eine Stadt mit ihren verlorenen Geschichten umgeht.

Das smac zeigt damit nicht einfach Vergangenheit. Es zeigt, dass Chemnitz aus Schichten besteht. Aus sichtbaren und verschwundenen Orten. Aus Namen im Pflaster. Aus Familien, die hier gelebt haben. Aus Gebäuden, die ihre Bedeutung verändert haben.

Und vielleicht ist das die wichtigste Einladung dieses Mai-Programms: nicht nur hinzugehen, sondern genauer hinzuschauen.

smac – Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz
Stefan-Heym-Platz 1, 09111 Chemnitz
Mehr Informationen: www.smac.sachsen.de

Das smac ist seit vielen Jahren Partner im Chosy Gutscheinbuch – wer also nicht nur lesen, sondern direkt hingehen will, bekommt hier sogar noch einen kleinen Extra-Anreiz.

Passende Beiträge zum Weiterlesen.

Weitere Entdeckungen, die gut zum Beitrag passen.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veroeffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.