Es gibt ja Themen, die plötzlich überall sind, obwohl sie eigentlich nichts wirklich Neues erzählen. So ein Ranking zu den beliebtesten Einkaufszentren gehört genau dazu. Sachsen schneidet stark ab, Chemnitz ist auch dabei, die Sachsen-Allee weit vorn – klingt erstmal nach einer dieser Geschichten, bei denen man kurz denkt: „Na siehste, läuft doch.“
Das erste Mal davon gehört habe ich übrigens nicht mal selbst gelesen, sondern eher so nebenbei. Mir hat das jemand erzählt, als ich im Chemnitzer Zentrum kacken war. Klassischer Ort für große Erkenntnisse. Da dachte ich schon: Wenn selbst da über Shopping-Rankings gesprochen wird, muss es wichtig sein.
Je länger man darüber nachdenkt, desto klarer wird aber: Ein Ranking ist noch keine Offenbarung. Nur weil Zahlen, Plätze und ein halbwegs sauber formulierter Aufhänger zusammenkommen, wird die Sache nicht automatisch tiefgründig. Oft reicht es, einmal hinter die Oberfläche zu schauen, und aus der großen Story wird etwas ziemlich Alltägliches.
Denn hinter der Auswertung steckt Praxistipp. Und da beginnt schon mein erstes Fragezeichen.
Wer zum Teufel ist Praxistipp?
Praxistipp ist kein Forschungsinstitut, kein Handelsverband und auch keine Truppe, die wochenlang durch Chemnitzer Einkaufszentren gelaufen ist, um Leerstand, Aufenthaltsqualität und Besucherstimmung sauber zu vergleichen. Im Kern ist das ein Portal, das Inhalte, Vergleiche und Rankings baut. In diesem Fall eben mit Google-Bewertungen.
Das heißt: ausgewertet wurden Sterne, Rezensionen und die Menge an Bewertungen. Dann wurde das Ganze rechnerisch gewichtet, damit nicht ein kleines Center mit zwölf Fünf-Sterne-Lobeshymnen plötzlich das schönste Einkaufszentrum Deutschlands sein soll.
Das ist nicht komplett unseriös. Aber man sollte eben auch nicht so tun, als hätte hier jemand die deutsche Shoppingkultur wissenschaftlich seziert.
Was das Ranking kann – und was eben nicht
Genau da liegt das Problem. So ein Ranking misst nicht nur Qualität, sondern auch:
- Laune
- Erwartung
- Region
- Meckerfreude
- Tagesform
Der eine gibt fünf Sterne, weil er einen Parkplatz gefunden hat und der Bäcker offen war. Der nächste vergibt einen Stern, weil ihn der Sicherheitsmann schief angeschaut hat oder weil nach fünf Minuten Parken schon 1,20 Euro fällig wurden. Beides ist irgendwie echt. Aber es ist eben keine große Wahrheit über Stadtentwicklung.
Google-Bewertungen sagen deshalb oft weniger über ein Einkaufszentrum als über die Menschen, die gerade Lust hatten, was dazu zu schreiben.
Chemnitz im Ranking: einmal gut, einmal alt, einmal schwierig
Für Chemnitz ist die Sache trotzdem interessant, nur eben anders als in der Schlagzeile. Denn die eigentliche Geschichte lautet nicht: Chemnitz räumt im Shopping-Ranking ab. Die eigentliche Geschichte ist: Chemnitz zeigt, wie unterschiedlich Einkaufszentren heute funktionieren.
Im Ranking sieht das so aus:
- Sachsen-Allee – Platz 13
- Chemnitz Center – Platz 28
- Galerie Roter Turm – Platz 102
Allein diese drei Plätze erzählen schon genug. Die Sachsen-Allee kommt noch gut durch. Das Chemnitz Center liegt ordentlich, aber bei mir löst es trotzdem keine Begeisterung aus. Und die Galerie Roter Turm wirkt in so einer Liste eher wie ein Haus, das schon deutlich mehr Gegenwind spürt.
Karl sagt: Ich finde Einkaufszentren sowieso meistens unerquicklich
Da bin ich ehrlich. Ich finde diese künstlichen Innenstädte meistens ziemlich unerquicklich. Viel Glas, viel Kette, viel Wegeführung, viel „hier bitte konsumieren“, aber oft erstaunlich wenig echtes Leben. Natürlich kann man dort einkaufen, das ist ja der Witz an der Sache. Aber genau dieses Konzept wirkt für mich oft so, als hätte man Stadt nehmen wollen und am Ende nur die Hülle gebaut.
Besonders deutlich wird das für mich beim Chemnitz Center.
Das Chemnitz Center ist für mich 1995 mit frischem Anstrich
Ich weiß, dass das Leute anders sehen. Aber für mich wirkt das Chemnitz Center wie eine Idee aus einer Zeit, in der man dachte, große Flächen, viele Parkplätze und ein Haufen Filialen würden schon reichen, um Urbanität zu ersetzen. Das Ergebnis ist für mich eine zweite Innenstadt ohne Innenstadt.
Also ein Ort, der so tut, als wäre er ein Zentrum, aber ohne das, was eine Innenstadt überhaupt ausmacht:
- kein gewachsenes Umfeld
- kein echtes Straßenleben
- kein Gefühl von Stadt
- eher ein Ablauf als ein Ort
Man fährt hin, läuft rein, erledigt etwas, fährt wieder weg. Das ist praktisch, klar. Aber es ist eben nicht lebendig. Und genau deshalb wirkt es auf mich so seltsam aus der Zeit gefallen. Nicht schlimm im spektakulären Sinn. Eher traurig auf eine sehr deutsche Art.
Die Sachsen-Allee läuft – aber das heißt noch lange nicht, dass Center plötzlich toll sind
Dass die Sachsen-Allee im Ranking weit vorn landet, kann man ruhig anerkennen. Offenbar funktioniert sie für viele Menschen noch gut. Sie scheint genug Auswahl, Frequenz und Alltagstauglichkeit zu haben, um als Einkaufsort angenommen zu werden. Das ist auch völlig okay.
Nur beweist das für mich nicht, dass Einkaufszentren wieder die große Zukunft wären. Es beweist eher, dass manche noch ordentlich funktionieren, während andere schon deutlich müder wirken. Die Sachsen-Allee ist in diesem Bild eben nicht das Zeichen eines goldenen Shopping-Zeitalters, sondern eher der Beleg dafür, dass ein Center noch leben kann, wenn es nicht komplett in die Jahre gefallen wirkt.
Vielleicht meckern die Leute auch einfach mehr
Das ist übrigens der Punkt, den man bei solchen Rankings nicht wegwischen sollte. Vielleicht sind manche Center gar nicht objektiv schlechter. Vielleicht bewerten die Leute einfach härter. Vielleicht wird in manchen Regionen schneller gemeckert, während anderswo ein „war ganz okay“ schon fast für vier Sterne reicht.
Das verzerrt natürlich jede Liste. Denn dann misst man am Ende nicht nur Einkaufsqualität, sondern auch regionale Beschwerdekultur. Und ganz ehrlich: Das halte ich für einen ziemlich großen Faktor.
Warum die Chemnitz-Geschichte trotzdem spannend ist
Trotzdem ist das Thema für Chemnitz nicht banal. Nur eben nicht als Jubelmeldung. Spannend ist nicht der Platz der Sachsen-Allee. Spannend ist der Kontrast.
Denn wenn man sich die Stadt anschaut, dann sieht man eben keine einheitlich starke Einkaufslandschaft. Man sieht:
- einen Standort, der noch gut funktioniert
- andere Standorte, die deutlich stärker kämpfen
- und ein Grundproblem vieler Center: Sie altern schneller als die Städte um sie herum
Gerade das Chemnitz Center steht für mich dafür. Es ist nicht kaputt. Es ist einfach konzeptionell alt. Und das ist fast schlimmer, weil man das nicht mit ein paar neuen Läden und frischer Farbe wegzaubert.
Fazit: Karl sagt, ein guter Platz macht noch kein gutes Gefühl
Am Ende bleibt für mich deshalb kein großer Jubel, sondern eher ein nüchterner Blick auf die Sache. So ein Ranking ist nett für Überschriften und funktioniert wunderbar, wenn man mal kurz ein bisschen Einkaufsstolz produzieren will. Aber es ersetzt keinen ehrlichen Eindruck.
Und mein ehrlicher Eindruck ist ziemlich klar: Die Sachsen-Allee mag im Vergleich noch gut laufen. Das Chemnitz Center bleibt für mich trotzdem eine ziemlich triste Idee von Stadt. Und genau das ist vielleicht die eigentliche Nachricht hinter diesem Ranking: Nicht alle Center sind gleich, und manche wirken heute einfach wie Relikte einer Zeit, in der man dachte, Konsum unter einem Dach sei schon urbanes Leben.
Karl sagt: Eine echte Straße ist mir immer noch lieber als eine klimatisierte Innenstadt-Simulation mit Parkticket.