So ein alter und legendärer Ort – und dann taucht er im eigenen Blog jahrelang nur in einem Nebensatz auf. Das kann man eigentlich kaum glauben. In einem Beitrag von 2012 wird die Bazillenröhre hier lediglich kurz als Drehort eines studentischen Kurzfilms erwähnt. Zwischen Edeka Bottler, Stadtbad und „Subway to Peter“. Fertig, weiter im Text. Dabei gehört dieser Tunnel längst zu den Orten, die für viele Chemnitzer so selbstverständlich sind, dass man kaum noch darüber nachdenkt. Man läuft hindurch, nutzt ihn als Abkürzung, erinnert sich vielleicht an eine Begegnung oder ein Graffiti – aber selten hält man einmal inne und fragt sich, wie alt dieser Ort eigentlich ist und warum er einen so eigenartigen Namen trägt.
Der Anlass, sich endlich einmal ausführlicher mit der Bazillenröhre zu beschäftigen, kam diesmal ausgerechnet über TikTok. Vor ein paar Tagen habe ich dort einen kurzen Clip gepostet. In dem Video gehe ich eine Straße entlang, bleibe an einer Brücke stehen und zeige auf eine Treppe, die unter den Bahngleisen nach unten führt. Dazu die simple Frage: „Wisst ihr, was da unten ist?“ Der Clip ist keine große Produktion, eher eine kleine Beobachtung aus der Stadt. Doch genau solche Momente funktionieren manchmal erstaunlich gut. Innerhalb kurzer Zeit sammelte das Video rund 30.000 Aufrufe, dazu mehr als 90 Kommentare – und fast alle drehten sich um denselben Ort. Die Bazillenröhre.
@chosy.chemnitz ♬ Originalton – Chosy Chemnitz
In den Kommentaren zeigte sich schnell, wie präsent dieser Tunnel im kollektiven Gedächtnis der Stadt ist. Manche Nutzer fragten nach dem Ursprung des Namens, andere erzählten Erinnerungen aus ihrer Jugend. Einige schrieben, dass sie dort früher ständig durchgelaufen seien, etwa auf dem Weg vom Bahnhof Richtung Sonnenberg. Wieder andere meinten, sie hätten den Tunnel zwar schon unzählige Male gesehen, aber nie gewusst, wie er eigentlich heißt. Diese Mischung aus Vertrautheit und Halbwissen ist typisch für Orte, die einfach zum Alltag gehören. Man kennt sie, aber man beschäftigt sich selten bewusst mit ihnen.
Ein Tunnel aus dem 19. Jahrhundert
Die Geschichte der Bazillenröhre reicht erstaunlich weit zurück. Ende des 19. Jahrhunderts war Chemnitz eine schnell wachsende Industriestadt. Der Hauptbahnhof entwickelte sich zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt, und mit der steigenden Zahl an Gleisen entstand ein praktisches Problem: Wie sollten Fußgänger die Bahnstrecken sicher überqueren, ohne ständig an Schranken warten zu müssen oder gefährliche Wege über die Gleise zu nehmen? Das steht so auf Wikipedia, Oma hätte es aber auch erzählen können.
Die Lösung war eine Unterführung. Im November 1887 begannen die Bauarbeiten an einem Tunnel, der unter den Bahnsteigen hindurchführen sollte. Zwei Jahre später, am 2. Januar 1889, wurde die Anlage schließlich eröffnet. Mit einer Länge von rund 217 Metern war sie für damalige Verhältnisse ein beeindruckendes Bauwerk. Der Tunnel ist etwa fünf Meter breit und besitzt eine lichte Höhe von rund dreieinhalb Metern. Die Gewölbedecke liegt ungefähr einen Meter unter den Gleisen. Dadurch konnten später Veränderungen an den zahlreichen Betriebsgleisen vorgenommen werden, ohne dass die Unterführung selbst neu gebaut werden musste – ein Detail, das zeigt, wie vorausschauend die Konstruktion damals geplant war.
Auch die Beleuchtung war für die Zeit bemerkenswert. Um Kosten zu sparen, verzichtete man darauf, den Tunnel permanent elektrisch zu beleuchten. Stattdessen baute man dreizehn Oberlichter ein, durch die tagsüber natürliches Licht in die Röhre fiel. Sowas sieht man bei YouTube-Ads aktuell als Innovation aus den USA. Erst später wurde zusätzliche Beleuchtung ergänzt. Für Fahrzeuge war der Tunnel übrigens nie gedacht. Er diente ausschließlich dem Fußgängerverkehr, und ein Ausbau für Autos oder Fuhrwerke kam aus finanziellen und technischen Gründen gar nicht erst in Betracht.
Woher der Name „Bazillenröhre“ stammt
Ich habe ihn erfunden natürlich.
Der offizielle Name des Bauwerks ist bis heute denkbar unspektakulär: Fußgängertunnel am Hauptbahnhof. Doch kaum jemand in Chemnitz benutzt diese Bezeichnung. Stattdessen hat sich über Jahrzehnte ein Spitzname durchgesetzt, der gleichzeitig humorvoll und ein wenig abschreckend klingt: Bazillenröhre.
Die genaue Herkunft dieses Namens lässt sich heute nicht mehr eindeutig rekonstruieren. War Robert Koch bei seinem Besuch…. Quatsch. Ähnlich wie Karl Marx hat Robert nie ein Bier getrunken im Turmbrauhaus. Sicher ist nur, dass er aus dem Volksmund stammt. Viele ältere Chemnitzer erinnern sich daran, dass der Tunnel früher nicht gerade ein Ort war, an dem man länger als nötig verweilen wollte. Die Beleuchtung war schwach, die Luft oft stickig, und der Gang wirkte durch seine Länge fast endlos. In solchen Umgebungen entstehen schnell ironische Bezeichnungen. Irgendwann begann man offenbar, die Unterführung scherzhaft „Bazillenröhre“ zu nennen – vielleicht aus der Vorstellung heraus, dass sich dort alle möglichen Keime sammeln würden.
Interessant ist, dass diese Erklärung auch heute noch weiterlebt. Unter meinem TikTok-Video stellte eine Nutzerin genau diese Frage: „Warum heißt das eigentlich Bazillenröhre?“ Die Antworten aus der Community gingen alle in eine ähnliche Richtung. Einige schrieben, dass es früher dort stark gerochen habe, andere erinnerten sich an die dunkle Atmosphäre. Einer meinte sogar scherzhaft, wenn jemand im Tunnel niese, würden sofort alle anderen angesteckt. Ob diese Geschichten nun exakt stimmen oder nicht – sie zeigen, wie sehr sich dieser Name im Bewusstsein der Stadt festgesetzt hat.
Ein Tunnel mit zweifelhaftem Ruf
Über viele Jahrzehnte hatte die Bazillenröhre einen Ruf, der irgendwo zwischen praktischer Abkürzung und leicht unheimlichem Ort lag. Wer vom Bahnhof Richtung Sonnenberg wollte, nutzte den Tunnel oft automatisch, denn er verbindet Mauerstraße und Dresdner Straße auf direktem Weg. Gleichzeitig war er jedoch nie ein Ort, an dem man sich besonders lange aufhielt.
Wie bei vielen Unterführungen entwickelten sich im Laufe der Zeit Geschichten und Legenden. Manche erinnerten sich an Graffiti an den Wänden, andere an dunkle Ecken oder an Begegnungen, die man lieber vermieden hätte. Solche Erzählungen verbreiten sich schnell und tragen dazu bei, dass ein Ort einen bestimmten Ruf bekommt. Doch gerade diese Mischung aus Alltag und Mythos macht die Bazillenröhre für viele Chemnitzer so interessant. Sie gehört zur Stadt, aber sie ist immer auch ein bisschen mehr als nur ein Durchgang.
Kraftklub und Popkultur
Spätestens seit den 2010er Jahren taucht die Bazillenröhre immer wieder auch in der Popkultur auf. Besonders bekannt wurde der Tunnel durch die Chemnitzer Band Kraftklub, die hier Teile ihres Musikvideos zu „Schüsse in die Luft“ drehte. Für viele Fans war das der Moment, in dem sie den Ort zum ersten Mal bewusst wahrnahmen. Plötzlich hatte dieser unscheinbare Fußgängertunnel eine Bühne bekommen.
Auch im TikTok-Clip kam das sofort zur Sprache. In meinem Video mache ich einen kleinen Witz darüber, ob das Video nun von Kraftklub oder vielleicht von den Toten Hosen gewesen sei. Natürlich weiß jeder Chemnitzer, dass die Antwort Kraftklub lautet. Der Tunnel ist dadurch ein kleines Stück Musikgeschichte der Stadt geworden – ein Ort, den man plötzlich wiedererkennt, wenn er irgendwo im Hintergrund eines Videos auftaucht.
Der lange Weg zur Sanierung
Im Laufe der Jahre stellte sich immer wieder die Frage, wie es mit der Bazillenröhre weitergehen sollte. Ihr Zustand wurde zunehmend kritisiert, und zeitweise stand sogar im Raum, die Unterführung ganz zu schließen. Doch dagegen regte sich Widerstand. Vor allem Menschen aus dem Stadtteil Sonnenberg setzten sich dafür ein, dass die Verbindung erhalten bleibt. Für Fußgänger und Radfahrer ist der Tunnel schließlich eine wichtige Abkürzung zwischen Innenstadt und östlichen Stadtteilen.
2014 entwickelte die Stadt ein integriertes Handlungskonzept zur Aufwertung benachteiligter Quartiere. Auch der Tunnel spielte darin eine Rolle. Bewohner des Sonnenbergs brachten Ideen ein, wie die Verbindung attraktiver gestaltet werden könnte. Schließlich wurde ein Wettbewerb für eine künstlerische Gestaltung ausgeschrieben, den die Chemnitzer Designerin Anke Neumann gewann.
Licht, Kunst und eine Liedzeile
Zwischen 2020 und 2021 wurde die Bazillenröhre umfassend saniert. Eingänge und Tunnelröhre wurden erneuert, die Wände gereinigt und eine neue Beleuchtung installiert. Insgesamt kostete das Projekt etwa 1,18 Millionen Euro, wobei rund 80 Prozent aus europäischen Fördermitteln finanziert wurden.
Das Herzstück der Neugestaltung ist ein Lichtband entlang der Tunneldecke. Es erzeugt eine indirekte Beleuchtung, deren Farbtemperatur sich verändert und so verschiedene Lichtstimmungen entstehen lässt. Die Idee dahinter war, dem Tunnel seine bedrückende Länge zu nehmen und ihn für Passanten angenehmer wirken zu lassen.
Zusätzlich wurden entlang der Wände große Buchstaben angebracht – jeder etwa 1,40 Meter hoch. Zusammengesetzt bilden sie eine Zeile aus dem Kraftklub-Song „Wie ich“:
„Ich wär’ gern weniger wie ich, ein bisschen mehr so wie du.“
Die Band selbst gab ihr Einverständnis für die Nutzung der Textstelle. Damit verbindet der Tunnel heute Geschichte, Kunst und Popkultur auf eine Weise, die man an einem einfachen Fußgängerdurchgang kaum erwarten würde.
Warum die Bazillenröhre trotzdem legendär bleibt
Wenn man heute durch die Bazillenröhre läuft, wirkt sie deutlich heller und freundlicher als früher. Der Tunnel ist saniert, das Lichtkonzept sorgt für eine angenehme Atmosphäre, und die großen Buchstaben an der Wand erinnern daran, dass auch ein alltäglicher Ort Teil der kulturellen Identität einer Stadt werden kann.
Trotzdem bleibt der alte Spitzname bestehen. Kaum jemand spricht vom „Fußgängertunnel am Hauptbahnhof“. Für die meisten Chemnitzer bleibt es einfach die Bazillenröhre – ein Name, der gleichzeitig ironisch und vertraut klingt. Vielleicht liegt genau darin der Reiz dieses Ortes. Er ist kein klassisches Wahrzeichen und kein touristisches Highlight, aber er gehört zum Alltag der Stadt. Man läuft hindurch, erzählt Geschichten darüber, erkennt ihn in Musikvideos wieder oder diskutiert in TikTok-Kommentaren über seinen Namen.
Und genau deshalb ist die Bazillenröhre mehr als nur ein Tunnel. Sie ist ein kleines Stück Chemnitz – mit über 130 Jahren Geschichte, einer Portion Mythos und erstaunlich viel Popkultur für einen Ort, den die meisten Menschen eigentlich nur durchqueren.