
In den nordafrikanischen Urlaubsländern der Chemnitzer blieben im Februar 2011 die Liegestühle frottee-handtuchlos. Vor allem der gestörte Internetzugang hielt Reisende vom Südtrip ab. Unruhen? Welche Unruhen? Die Gefahr drohte durch verpasste Quests im MMORPG SessionNet und den selbstzerstörenden Partybildern vom Zombieopernball. Jene waren so schnell gealtert, dass viele Bilder gleich im Trauerteil der Heimatzeitung verwendet wurden. Aber die Lokalpresse wusste Bescheid über die Langeweile der Daheimgebliebenen und kopierte eifrig Worte zu seltsamen Meldungen. Hier sind unsere Watchblog Top 10 der Ereignisse im Februar 2011:
10. Der Februar – Monat der Diebe
Nicht nur in Berlin und Bayreuth erfreuten sich manche im Februar diebisch an Dieben. Auch Sachsen Fernsehen freute sich über einen Dieb, der ihnen mit einer Polizeimeldung die mühsame Recherche für einen Beitrag über Hörgeräte oder etwa Rentenbezüge ersparte. In Chemnitz klaut man aber keine Sätze, sondern Kupfer. Klüger ist das auch nicht, gerade wenn man die genutzten Wasserleitungen absägt und die Mieter im Keller den Verursacher finden.
09. Beim Strompreis geht noch was
Eine Leiche im Keller haben wohl auch die leidenschaftslos zu „Eins“ fusionierten Stadtwerke. Nach der mit Empörung aufgenommenen Strompreiserhöhung warnten jene vor dubiosen Anbietern. Jene versuchen durch einen sogenannten Preisvergleich arglose Bürger zur Konkurrenz zu vermitteln. Deren Strom ist angeblich billiger! Wie unseriös!
08. Pinkelnotstand in Chemnitz
Selbst die Toiletteneingänge sind überwacht! Während von Datenschützern die Videokameras in der zur Otto-Familie gehörenden Sachsen-Allee beanstandet werden, kostet die Benutzung der öffentlichen Einrichtungen ein Vermögen (30 Cent). Im Tietz schließlich waschen sich „viele“ die Haare. Im Rathaus wurden sogar Bürger beobachtet, die Toilettenpapier benutzen anstatt der freien Heimatzeitung. Skandal!
07. Massaker im Schilderwald
29.000 Verkehrzeichen weisen uns den Weg. Die Stadt möchte 60.000 Euro einsparen und Schilder entfernen. Mühsam über Jahrzehnte beantragte und aufgestellte Blechdiktatoren, eine Bereicherung in rot und blau für jedes graue Straßenbild, sollen weg. Dazu gehören u.a. die Schilder „Lachen erlaubt“ und „Denken verboten“. Die Folge: traurig nachdenkliche Zombies bevölkern bald unsere Straßen!
06. Es war Winter und jemand fiel hin…
Blitzeis, eine gelungene Abwechslung im täglichen Pendelverkehr. Zeit der berühmten Opfer des legendären Wintereinbruchs 2009 zu gedenken: René Schubert aus Burkhardtsdorf im Erzgebirge, welcher nicht einmal mehr sein „Essen in die Wohnstube tragen kann“ und auch kein Geld für einen Tisch in der Küche hat.
05. Tiere in den EKZ
Die Armee der zwölf Affen hat offenbar damit begonnen, Tiere in den Einkaufszentren der Stadt auszusetzen. Im Vita-Center wurden nektarsaugende Schmetterlinge gezeigt, sowohl in Sachsen-Allee als auch im Roten Turm hielten Reptillien alle Herpetophobiker vom Besuch ab.
04. TU Chemnitz ermöglicht Zeitreise
Die Technische Universität Chemnitz hat ein Soundlogo, offenbar eine Entdeckung aus den späten 90ern. Zu hören ist das laute Schnarchgeräuch eines Studenten, der beim ebenso neu entdeckten Imagefilm eingeschlafen ist. Der Imagefilm scheint noch aus einer Zeit zu stammen, in der nur Maschinenbau und Ölkunde an der Hochschule gelehrt wurden. Geistes- und Sozialwissenschaftler sind augenscheinlich rausgeschnitten worden.
03. Nothing is older than yesterday
Whether you like it or not! Beim Opernball in Chemnitz 2011 amüsierten sich die Hôtes nach feiner englischer Art in nobelster Garderobe bei klassischen Tönen und Perlwein. Da die Wirtschaftskrise für immer vergessen ist, wurde das Landesmotto nicht mehr wie im Vorjahr nach Pleitekandidaten ausgewählt. Es sollte erotische Leichtigkeit ausstrahlen und Eingeweihten einen lächelnden Hauch überlegener Selbstironie auf die Lippen zaubern. Man entschied sich folglich für: „F*#+%4§ G1″3(/*!a“. Ein Motto, was selbst dem Sprecher zu kompliziert war und kein Gast verstand. Hatten auch alle nur Russisch in der Schule.
02. Radfahren wieder erlaubt
Die sportliche Oberbürgermeisterin hat mit einem Machtwort die Radfahrer befreit, die bis zuletzt von den Ordnungshütern auf dem Marktplatz von Chemnitz gefangen wurden. Das Führen von zweirädrigen einspurigen Fahrzeugen mit Bananensattel bleibt, wie auch das Befahren der Bequemlichkeitsstreifen, weiter verboten.
01. Beirat für seltene Ereignisse
Als George Orwell den Neusprech erfand, hielt er sich für besonders klug und manch ein Leser fühlt sich eingeweiht in einen verschwörten Bund. Hätte jener Gutdenker jedoch ahnen können, dass es hier bei uns einen „Beirat für seltene Ereignisse“ gibt? Dann hätte er ihn sicherlich darüber entscheiden lasssen, wann und wie lange in Chemnitz gefeiert wird. Sein Buch „Chemnitz 2011 – Stadt der Wahnsinnsschaft“ hätte sogar den Slogan 1+1 ist 11 bekommen können. Aber ach, so hat Orwell nur eine langweilige Reportage geschrieben, ohne jede Fiktion.