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Grünzüge oder grüne Zahlen?

18. Mai 2010 2 Min. Lesezeit Chemnitz lebt Redaktion

Wer vom Sonnenberg nach Gablenz oder von der Innenstadt aufs Land fährt, dem ist wahrscheinlich das fünfgeschossige Eckhaus an der Kreuzung von Augustusburger, Claus- und Zietenstraße schon aufgefallen. Leer und verlassen steht das alte orangefarbene Gebäude zwischen Straße und Straßenbahnstrecke und hat trotzdessen eine ansehnliche Würde an der vielbefahrenen Ecke bewahrt. Einige Fenster sind zwar verpappt, aber ingesamt macht die Fassade einen gut erhaltenen Eindruck, dies ändert auch die alte Schaufensterwerbung im Erdgeschoss nicht, die an einen Textil-Discount vor neun bis zehn Modewellen erinnert.

Einige haben das Haus in der Zeit des Leerstands schon für die Nachwelt fotografiert und so vor einiger Zeit auch wir –  in der trüben Vorahnung darauf, dass es zu „einer Veränderung“ kommen könnte. Denn unter der Überschrift „Augustusburger Straße wird weiter begrünt“ hatte es die Pressestelle der Stadt im Oktober 2009 mit enormer Kreativität in der Vermeidung des A-Wortes in unsere Top 10 der Halbwahnsinnigkeiten geschafft. Die Wortkonstruktion des „Rückbau von Wohnsubstanz“ zur „Fertigstellung des Grünzugs“ ist vergessen, indes überrascht noch heute die Stelle dank seiner endgültigen Formresultate. Man könnte auch sagen, die Wiesenerstellung war ein voller Erfolg für Maulwürfe.

Einer der letzten Zähne am „Grünzug“ soll nun also alsbald fallen – das Eckhaus Augustusburger Straße 102 soll abgerissen werden. Die Stadt argumentiert, dass es für das Haus keine Verwendungsmöglichkeiten gibt, keine Investoren, kein Geld für eine Renovierung. Der Abriss ist also folgerichtig. Das Stadtforum hingegen hebt die architektonische und städtebauliche Bedeutung des „Kopfbaus“ hervor und ruft zum Erhalt des Hauses auf. Im Umfeld sieht es so aus – auf der einen Seite liegt die Steinhaus-Passage, auf der anderen Seite der Kreuzung geht es den Sonnenberg hinauf:

Während die Stadt in ökonomisch-rationaler Denkweise über Kosten und Nutzung argumentiert, sprechen die Gegner zunächst in kultureller Denkweise über „urbane Identität“ und „Historie“. Daraus abgeleitet suchen auch sie nach „tragfähigen Konzepten“ und schlagen ein „Haus der Vereine“ vor.

Bewerten könnte man die Situation wie es im Welt Artikel „Chemnitz ist dem Abrisswahn verfallen“ geschehen ist. Demnach hat aufgrund der wirtschaftlicher Zwänge und Prämien der Abriss in Chemnitz so viel Tradition, dass er vor der architektonischen Tradition keinen Halt macht. Bewerten könnte man die Situation auch mit der Denkweise hinter dem Slogan  „Stadt der Moderne“, wonach „die rechte Gehirnhälfte für Ästhetik“ an Bedeutung gewinnen müsse. Wie es wohl am Ende ausgeht?

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