Chemnitz ist ein Dornröschen mit vielen guten Eigenschaften. Die Einwohner selbst müssen es wachküssen.
Gestern startete die Vortragsreihe „Demographie im Blickpunkt: Regional den Wandel gestalten“ zu welcher die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung und das Institut für Politikwissenschaft zu fünf Vorträgen auch in Chemnitz einlädt. Im alten Heizhaus der TU wurde unter dem Titel „Die Zukunft der ostdeutschen Großstadt am Beispiel Chemnitz“ referiert und (etwas) diskutiert. Gäste waren Karl Noltze (Präsident der Landesdirektion Chemnitz) und Irene Schneider-Böttcher, Präsidentin des Statistischen Landesamtes des Freistaats Sachsen. Beide sind nach ihrem Studium seit Mitte der 70er Jahre im öffentlichen Dienst in zahlreichen Behörden und Ministerien tätig gewesen.
„Die Zeitbombe tickt“, „Deutschland verliert das Rückrad“ sind Überschriften, die Dr. Joachim Klose anführt, um das Medieninteresse am Thema zu belegen. Die Strukturproblems-Sau, die durch „Die gescholtene Rentnerhauptstadt“ hinter der Meldung der Eurostatianer hinterherhetzte, wird angesichts der Fütterung mit Zahlenmaterial nicht müde:
- Nach 1989 sind die Geburten pro Frau von 1,5 auf 0,8 gesunken, zwar sind diese seit 1995 wieder ansteigend, dafür sind 40 Tsd. Abwanderer weg.
- Die Einwohner Sachsens fallen in Mio. von 4,9 (1990) auf 4,2 (2000) und auf prognostizierte 3 in 2060.
- Mehr Frauen als Männer gehen, es entsteht ein Männerüberschuss von 11 Prozent.
Kurz: Die demografische Entwicklung habe Auswirkungen auf alle Lebensbereiche: Kultur & Bildung, Arbeitsmarkt, etc. Nur was ist eine nachhaltige Gegenstrategie?
Die Landes-Statistikerin Schneider-Böttcher ist darauf bedacht, in ihrer Betrachtung von einem positiven Stärken-Ansatz auszugehen, also zu fragen: „Was macht Chemnitz attraktiv?“ Alter sei kein Nachteil, es dürfe nicht stigmatisiert werden, damit keine Spirale (sich selbst verstärkende Entwicklung) einsetze.
Von ihr stammt auch das Eingangszitat. Nimmt man die Märchen-Metapher ernst, müsste die Stadt der Königstochter gleich in einen hundertjährigen Schlaf fallen oder gefallen sein. Hat der Schlaf schon begonnen? Übersetzt man den Titel ins Englische als „Sleeping Beauty“ klingt jene zumindest positiv.
In Chemnitz habe es schon eine starke Entwicklung gegeben, dadurch sei die Zukunft etwas abgebremst. Diese Vorreiterrolle von Chemnitz sei eine besondere Stärke. Die Zahlen jedoch sagen aus, dass die Stadt ein vergleichsweise geringes demografisches Potential besitze. Ihre Frage ist, wie man trotz schrumpfender Bevölkerung die Infrastruktur ohne ausufernde Schulden erhalten könne. Sie liefert folgende Zahlen und Fakten für den Blick auf Chemnitz:
- Alterdurchschnitt 2008: 47,1 Jahre (vgl. Sachsen 45,7),
- seit 2006 geringe Wanderungsgewinne,
- jährlich hohe Geburtendefizite,
- relativ hohe Fruchtbarkeit mit 1,43 Kindern je Frau,
- Abwanderung (2000-2008): vor allem 18 bis 35-Jährige nach West-Dtl,
- Zuwanderung (2000-2008): 35 bis 60-Jährige aus Sachsen,
- 1991 bis 2008: -15 Prozent sozialversicherungspflichtige Beschäftigte,
- Prognose 2020: Lebenserwartung der Männer nimmt zu, +92 Prozent über 80 jährige Männer, aber in Dresden +123 Prozent,
- Prognose 2020: 18 bis 25-Jährige mit minus 45 Prozent,
- viele Absolventen und junge Menschen wollen trotz geringer Einkommensmöglichkeiten zurückkehren.
Präsident Noltze meint trocken zu den Zahlen: diese seien relativ. Auch er sieht das Potential älterer Bevölkerung in viel Lebenserfahrung. Zuzug ist für ihn kein Allheilmittel, eine bestimmte Gruppe „trifft man in bestimmten Vierteln in Leipzig“, die er nicht möchte (Gelächter aus dem Publikum). Chemnitz habe es auch ohne große Subventionen geschafft, in Rankings, wie dem Städtetest der WiWo, gut abzuschneiden. Die Standortfaktoren seien positiv, es gäbe eine große Industriedichte. Er sieht vor allem das Problem des Rückgangs der erwerbsfähigen Bevölkerung. Es müssen die Rahmenbedingungen für Stabilisierung und Arbeitsplätze geschaffen werden. Die sieht er gemäß seines beruflichen Verantwortungsbereichs vor allem im Straßenbau: Bau von B174, Südverbund, Innenstadtring und Ausbau der Schienenverbindung im Fernverkehr. Die attraktive Innenstadt soll weiter aufgewertet und keine Flächen mehr auf grüner Wiese ausgewiesen werden. Attraktive Wohn- und Freizeitangebote für junge Menschen seien gefragt. Chemnitz müsse kleiner werden und sich für kürzere Wege auf eine belebtere Innenstadt und nahe Bereich konzentrieren. Der gezielte Rückbau von 21 Tsd. Wohnungen bis 2020 sei richtig, der Abbruchbedarf liege 8 bis 16 Tsd. höher. Der Stadtumbaubeirat auswärtiger Experten werde die Entwicklung nicht fördern können.
Zu den beiden Vorträgen zwischen den alten Rechenmaschinen kamen vorwiegend ältere Chemnitzer. Ingesamt wurden sehr viele Allgemeinplätze und scheinbar auf der Hand liegende Folgen des „müssen-also“ geboten. Während Dr. Jens Kassner in seinem Konzept zur Rehabilitierung des Schlaganfallpatienten umfangreiche theoretische Überlegungen rund um das Konzept der „Stadt der Moderne“ anführte, war dieser Abend sehr beton- und zahlenlastig. Man fühlt sich angesichts des Gegensatzes von Bevölkerungsrückgang und geringerer Nutzung und weiteren Bauvorhaben an die Japan-Schlagzeilen „Beton, überall Beton“ erinnert.
Die weiteren Vorträge der Reihe je 19 Uhr im „Altes Heizhaus„, TU, Straße der Nationen 62 (im Innenhof) sind:
- 03. März: Abrissbirne statt Neubau? Zur Wohnraumplanung in Chemnitz mit Ex-GGG-Chef Peter Naujokat und Baubürgermeisterin Petra Wesseler,
- 10. März: Wachstum heißt Bewegung! Keine Wanderung, kein Wachstum, kein Wohlstand mit Prof. Dr. Georg Milbradt und IHK-Geschäftführer Hans-Joachim Wunderlich,
- 17. März: Die beste Idee allein nützt nichts! Was heißt zukunftsorientierte Personalpolitik? mit Dr. Martin Gillo und Axel von Bauer,
- 24. März: Tolle Sammlungen, leere Museen? Wen interessiert noch die Vergangenheit? mit Prof. Dr. Karl-Siegbert Rehberg und Dr. Jörg Feldkamp.
