In den „Einkaufspassagen aus Stahl und Glas“ der Innenstadt sind nur noch Träger von „Pelzmützen wie Erich Honecker“ unterwegs, selbst die Toten werden außerhalb der Stadt bestattet, da die Angehörigen zu alt für die Grabpflege sind – das verlassene Chemnitz.
Die Welt hat heute mal wieder einen Artikel über das Demografieproblem unserer Stadt veröffentlicht. Unter der Überschrift „So lebt es sich umgeben von Greisen oder Babys“ wird nicht der neueste Dialog-Erfolgsroman aus dem Kindergartenleben eines 2-Jährigen und seines Opas im Seniorenheim vorgestellt, sondern ein Vergleich von Hamburg und Chemnitz angestrebt. Bekanntlich profitiert die Stadt im Norden von Zuwanderung, während es in unserer Erzgebirgsvorstadt angesichts passender Themen zum Sport geworden zu sein scheint, den „Status tot“ selbst in ulkigen Anti-Kampagenen zu zementieren.
Die beiden Welt-Autoren haben sich für ihren langen Artikel auf den Weg in ein Seniorenheim und eine Schule gemacht, um die Menschen hinter dem Problem zu sprechen. Der neunzigjährige Senior schreibe sein Leben für seine Enkel auf, die Abiturienten wollen hier studieren. Sie gehen kurz auf den Innenstadtaufbau und die Bewusstseinsbildung ein. Grundton bleibt jedoch eine skeptisch-kritische Haltung bezüglich der politischen Handlungen, was sich in diesen Zeilen ausdrückt:
Ludwig sitzt in ihrem Empfangszimmer im mächtigen Neuen Rathaus und kämpft gegen die Zahlen. Die Eurostat-Demoskopen sagen voraus: (…) Barbara Ludwigs Job ist es, zu verhindern, dass sich die Prophezeiung selbst erfüllt.
Demografiestudien mit WeltStadtuntergangstheorien scheinen einen hohen Marktwert zu besitzen. Denn auch dieser Artikel ist von der Sau angeregt, welche die Euro-Statistiker vor etwa einem Monat durch das winterliche Medien-Deutschland jagten. Eine Sau, auf welche auch die Lokalpresse angesichts nur schwer entzündbarer Schnee-Hysterie unter der Bevölkerung gern juchzend aufsprang. Eine Strukturproblems-Sau, welche angesichts der vielen Druckerschwärze und negativen Konnotationen überhaupt nicht mehr rosa aussieht. Scheinen doch Studienschreiber und Presse davon auszugehen, dass die Chemnitzer Bevölkerung bereits die ihr zugeschriebene vergreiste Vergesslichkeit besitzt. „Trend ist seit langem bekannt„, sagten entsprechend auch die beiden Soziologie-Professoren der TU, Nauck und Weiske. Sie schränkten ein, dass es kein Chemnitzer Problem allein sei, die Politik auf Geburtenraten nur einen geringen Einfluss habe und Pessimismus nicht angebracht sei. Mehr Dienstleistungs-Jobs und mehr Toleranz für alternative Lebensweisen waren ihre Handlungsvorschläge.
Als Artikel-Ausklang in der Welt wird OB Ludwig mit ihrer pragmatischen Haltung zitiert, welche auch schon im Januar die Reaktion der Verwaltung prägte und mit den Aussagen der oben genannten TU-Theoretiker übereinstimmt:
Man könne als Industriestadt vielleicht nicht so schön sein wie Dresden oder andere Kulturstädte. Aber in zehn, zwanzig Jahren werde es sich auch unter jungen Leuten herumgesprochen haben, dass man hier ordentlich leben kann. „Wenn die Menschen uns besuchen, sind sie ganz überrascht: Die gehen ja auch aufrecht in Chemnitz!“
In den Kommentaren bei der Welt wird Kritik am Wachstums-Glaube geäußert, die Familienpolitik in Deutschland diskutiert und das Zuwanderungsproblem angeführt – als typisch Chemnitz scheint kaum jemand den demografischen Wandel wahrzunehmen.
Wir sind schon darauf gespannt, wann das Problem in der Presse wieder einmal neu entdeckt wird. Fortsetzung folgt.