Aktion

Heute ist es kalt in Chemnitz

12. Januar 2010 4 Min. Lesezeit Chemnitz lebt Redaktion
KURZ EINGEORDNET

Bevor wir tiefer einsteigen: Hier kommt der schnelle Überblick für alle, die sofort wissen wollen, worum es geht.

  • Warum das Thema gerade spannend ist
  • Für wen sich der Tipp wirklich lohnt
  • Was man schnell mitnehmen kann

Zu den aktiven Chemnitzer Twitterern gehörend, haben wir schon seit Monaten vor, einen Twitter-Beitrag hier im Blog zu schreiben. Gestern z.B. wäre wieder einmal ein Anlass gewesen, da legte sich nämlich ein anonymer Nutzer einen Fake-Account zu, was der ein oder andere aber nicht als jenen erkannte und irritiert reagierte.

Volker Tzschucke, Mitinhaber der Chemnitzer BurgEins GmbH, leidenschaftlicher Schreiber für LEO, ebenfalls Twitter-Nutzer und im Jahre 2008 einer der ersten Kommentatoren im Chosy Blog, kam uns zuvor und hat in geübter Blick-Reporter-Manier die Angelegenheit geprüft. Wir bedanken uns bei ihm für folgenden Gastbeitrag, der aus seiner Feder Tastatur stammt:

Zu einem Raub der besonderen Art kam es in den vergangenen Tagen in Chemnitz: ein unbekannter Nutzer des Kurznachrichtennetzwerkes Twitter legte ein Profil unter dem Namen Simone Kalew, Geschäftsführerin der kommunalen Gebäudewirtschaftsunternehmens GGG an, und verbreitete beschwingte Nachrichten über das Wetter in Chemnitz: „Brrr, heute ist es kalt in Chemnitz: -7,1 °C. Gut, dass es sanierte warme GGG-Wohnungen gibt. Bald werden wir noch mehr sanieren. Eure Simi“. Doch das Profil war nicht echt:  „Es handelt sich um einen Fake-Account“, erklärte GGG-Sprecher Erik Escher auf Anfrage – ein Identitätsraub quasi.

Dabei schien der Gedanke, GGG-Chefin Kalew könnte Twitter für sich entdeckt haben, nicht abwegig. Zahlreiche Chemnitzer Einrichtungen nutzen den Kurznachrichtendienst inzwischen – die Kunstsammlungen veröffentlichen ihre Ausstellungstermine, die Stadtbibliothek gibt Musikempfehlungen, Stefan Tschök, Pressesprecher der CVAG, lässt hin und wieder eine launige Bemerkung fallen (falls er es denn tatsächlich ist) und nicht zuletzt Chemnitz-lebt verbreitet Nachrichten aus Chemnitz – man erreicht damit eine zwar noch kleine, aber dafür im Regelfall junge, innovations- und konsumfreudige Zielgruppe. Warum nicht also auch GGG-Tweets über besonders günstige Mieten und Sanierungsvorhaben? Indes – es war eben nicht so.

Mit Fake-Accounts muss sich so gut wie jedes soziale Netzwerk herumschlagen: Bei StudiVZ tauchte irgendwann – nur ein Beispiel von vielen – der Rapper KoolSavas auf und versammelte zahllose Freunde und Fans – der Einrichter des Profils saß statt in Berlin aber wohl in Chemnitz. Hintergründe für diese Art des Hijackings? Spaß am Versteckspiel, das Narren anderer Nutzer, gelegentlich wohl auch ein wenig Profilneurose: Wenn mein eigenes Profil keine Nutzer anzieht, vielleicht schaffe ich es, wenn ich mir einen bekannten Namen gebe. Im Fall der GGG sollte wohl deren Chefin gezielt verhonepiepelt werden, und ein wenig ist das auch gelungen: Mehrere Chemnitzer twitter-Nutzer übten sich für Frau Kalew im Fremdschämen ob der unter ihrem Namen veröffentlichten sinnfreien Nachrichten. Das Ganze erinnert denn auch an die sommerliche Guerilla-Kampagne einiger Unbekannter, bei der die „Stadt der Moderne“-Plakate auf die Schippe genommen wurden und indirekt auch die Abrisspolitik der GGG ihr Fett abbekam. Wer weiß, vielleicht stecken hinterm jetzigen twitter-Fake und der damaligen Webseite „Chemnitz zieht weg“ sogar die gleichen Verursacher?

Und was kann die GGG respektive Frau Kalew nun tun? Eigentlich nicht viel. Das Profil den Verantwortlichen bei twitter melden, wäre eine Variante. Den Identitätsdieb anzeigen und polizeilich verfolgen lassen, eine weitere. Ob dies zu Ergebnissen führt, steht dabei freilich in den Sternen, und ob man sich damit Freunde in der innovations- und konsumfreudigen Zielgruppe machen würde, erst recht. Im Regelfall jedenfalls werden juristische Aktivitäten von Unternehmen oder exponierten Privatpersonen gegen einzelne Internetuser von der Netzgemeinde nicht goutiert.

Bleibt also eigentlich nur zweierlei: unter einem GGG-Profil selbst ordentlich twittern und so zeigen, dass man junge Menschen und ihre Kommunikationswege ernst nimmt. Oder die Geschichte einfach im Sande verlaufen lassen. Das hat bei den Chemnitz-zieht-weg-Plakaten ja auch ganz gut geklappt. Nach ein paar Wochen war damals auf der dazugehörigen Internetplattform die Diskussion um Stadtumbau und Jugendkultur einfach tot. Die GGG prüft derzeit noch ihr weiteres Vorgehen.

Danke, Volker – wir werden sehen, wie es weitergeht. Nach der Erfahrung mit gefälschten Twitter-Profilen prominenter Personen wie Harald Schmidt, Til Schweiger, William Shatner usw. besitzen Fake-Accounts meist nur so lange ihren Reiz, bis sie als solche entlarvt werden. Im Fall von Frau Kalew könnte durch die Enthüllung bereits jetzt das Follower-Interesse im Keim erstickt sein, zumal es den Wetterbericht in anderen Quellen ausführlicher gibt.

Und vielleicht wird das mit dem Twitter-Beitrag ja auch mal was bei uns… irgendwann… in nächster Zeit. 😉

twitter_simonekalew
Screenshot des unechten Twitter-Profils von GGG-Chefin Simone Kalew
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