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Wortscharmützel @ Weltecho | 08.01.2010

11. Januar 2010 5 Min. Lesezeit Chemnitz lebt Redaktion
KURZ EINGEORDNET

Bevor wir tiefer einsteigen: Hier kommt der schnelle Überblick für alle, die sofort wissen wollen, worum es geht.

  • Warum das Thema gerade spannend ist
  • Für wen sich der Tipp wirklich lohnt
  • Was man schnell mitnehmen kann

++ Dies ist der Artikel zum Poetry Slam 2010, den Artikel zum Poetry Slam 2011 mit den neuesten Terminen kannst du nach dem Klick lesen. ++

Heute erreichte uns ein Gastbeitrag von Katrin Kropf, der Chemnitzer Rockjournalistin von rockzoom.de und Bibliothekarin unserer Stadtbibliothek, über den Poetry Slam am Freitag im Weltecho. Vielen Dank dafür und euch Freude beim Lesen!

Foto: Patrick Schulze
Foto: Patrick Schulze

Am Freitag ging im Weltecho einmal mehr das „Wortscharmützel“ über die Bühne. Dort hatte sich vor allem das junge Volk – ja, das gibt es tatsächlich (noch) in Chemnitz – sehr zahlreich versammelt, um neun Poeten von nah und fern Aufmerksamkeit zu schenken. Doch beim bloßen Konsum der liveperformten literarischen Texte sollte es nicht bleiben: Bei einem Poetry Slam ist das Publikum zugleich Jury und wähnt sich in der Rolle des Literaturkritikers. Dabei werden jedoch keine großen Worte verloren: Entscheidend bei einem Poetry Slam ist die Lautstärke, die einem Poeten nach der Rezitation entgegenplärrt, -stampft und -klatscht und über Sieg oder Niederlage entscheidet.

Für die Dezibelmessung, lässige Überbrückungsmoderation und Auslosung der neun Teilnehmer waren Christian Kolb und die Dame mit Hut, ihres Zeichens auch Chemnitzer Slammerin und seit Oktober 2008 Veranstalterin des Scharmützels, verantwortlich… ebenso fürs Aufpassen auf die gute Flasche Grasovska Wodka, die dem Gewinner dieses Wettbewerbes am Ende überreicht werden sollte.

didiling
Foto: Leon Weidauer

Für gute Einstimmung sorgte zunächst die Chemnitzer Nachwuchsmusikerin Didiling, Mädchen mit Gitarre und bald mit einer CD im Gepäck. Die junge Didi griff zwar hin und wieder ein bisschen unsauber in die Saiten, zog das Publikum aber rasch durch sympathisches, authentisches Auftreten auf ihre Seite.

Wolf Hogekamp machte seitens der Poeten den Anfang. Der Berliner ist zu den Urgesteinen des deutschen Poetry Slams zu zählen und reiste wohl auch eher zum Spaß als mit Siegesabsichten nach Chemnitz. ‚2 Minuten dauert der Text‘, meinte er, 7 Minuten durfte er sich nehmen und am Ende dauerte der Rap über Chemnitz aus Beton vielleicht gerade mal 30 Sekunden. Der schon etwas betagte Slammer schleuderte die Worte über unsere Stadt in flotter Rap-Manier heraus und traf textlich gerade aufgrund dieser knackigen Würze den Nagel auf den berühmten Marxnischel.
Die erste Runde sollte jedoch Konstantin Turra für sich entscheiden. Mit seiner kurzweiligen Prosa gab er Einblick in den Tag eines entnervten Erzieher-Praktikanten: Eskalation im Kindergarten. Das Drama entfaltete sich durch Konstantins rasantes Tempo und die Fähigkeit, trotz der sich überschlagenden Ereignisse der Geschichte alle Kinderstimmchen für alle noch gut unterscheidbar und absolut glaubwürdig wiedergeben zu können.
Auch die zweite Runde brachte einen recht eindeutigen Sieger hervor: Dominik Bartels reiste extra aus Braunschweig an und kehrte mit seinen zehn Kollegen – er verkörperte bei seiner Performance gleich elf Persönlichkeiten in einer Personalunion, die sich alle im Körper eines einzigen Mannes um einen Job bewarben – ins Finale ein.

Eine kleine Pause bot Zeit und Gelegenheit zu gewagten Siegerprognosen an der Bar, Frischluftschnuppern an Daisys schmaler Brust, Anstellen an der Damentoilette und/oder „Monni“, die gerade ausgeklungene Weihnachtsausstellung des Oscar e.V. in der Weltecho-Galerie. Dann nochmal ein bisschen Didiling und weiter ging’s mit Runde drei und dem Finale.

frank_weissbach
Foto: Patrick Schulze

Schon bei Frank Weißbach (sein Blogbeitrag zum Wortscharmützel) in der Vorrunde konnte man beobachten, dass ernstere Texte, die hohe Aufmerksamkeit und mitunter sogar einer gewissen (Ein-)Stimmung bedürfen, es bei einem Poetry Slam nicht leicht haben. Gerade wenn sie so endstationär sind wie bei Frank, oder dem Dichter (und im besten Falle auch dem Zuhörenden) direkt einen Seelenspiegel vorhalten, wie es Kay Nagel tat. Peinlich, meinen wohl die einen bei seinen sprachlich antiquierten Gedichten, mutig vielleicht andere.
Dann endlich die Mädels. Franziska Wilhelm aus Leipzig ist Wiederholungstäterin. Sie war schon beim SPIEGEL-Poetry Slam im Finale dabei und hat Erfahrungen bei einschlägigen Slams. Die hohen Erwartungen konnte sie mit ihrer kurzweiligen Zahnspangenstory absolut erfüllen.
Veronika Scholz hingegen ist Neuling auf diesem Gebiet; angemerkt hat man es ihr aber nicht. Die Nachahmung einer nächtlich-plagenden Stechmücke gelang ihr pervers präzise; das Publikum wusste genau, was diese Leidensgenossin mitmachte und fand die eigenen Gedanken bei einem solchen Parasitenbesuch in Wort gegossen. Jedenfalls mein absoluter Favorit, trotz kleiner Nervositätsstolperer. Am Ende trennten die beiden Damen gerade mal 0,1 Dezibel! Wie laut ist das eigentlich? Wie ein fallendes Streichholz?

Foto von Leon Weidauer
Foto: Leon Weidauer

Nicht minder spannend dann das Finale. An den Text vom Dominik Bartels kann ich mich zwar gar nicht mehr erinnern, aber Konstantin Turra haute in eine ähnlich zynische Kerbe wie in der Vorrunde und Franziska Wilhelm wagte gleich etwas ganz Neues: einen Strophe-Chorus-Rap mit sprachlich starrem Schema über die Alltagsängste einiger Protagonisten: „Panik“ hieß das Gedicht und war persönlich nicht so mein Fall, da das Metrenkorsett doch einiges vom guten Inhalt abgeschnürt hat. Das Publikum entschied jedoch am Ende, dass Franziska die Wodkaflasche mit nach hause nehmen sollte und trat nach einem absolut gelungenen, gut besuchten Abend den Weg zurück in andere Betonburgen an, sich sicher sagend, dass man das nächste Wortscharmützel im Weltecho auf keinen Fall verpassen sollte.

Die Teilnehmer waren:

Wolf Hogekamp
Konstantin Turra (Finalteilnehmer)
Ron Uhlig

Wolf Nestler
Dominik Bartels (Finalteilnehmer)
Frank Weißbach

Kay Nagel
Franziska Wilhelm (Gewinnerin)
Veronika Scholz

Wenn du dir den nächsten Wettbewerb nicht entgehen lassen willst, schau am besten regelmäßig auf poetry-slam-chemnitz.de vorbei. Im April gibt’s den nächsten Chemnitzer Poetry Slam im Weltecho, jetzt im Januar findet außerdem einer im delicate statt, zu dem du dich sogar noch anmelden kannst, wenn du Teilnehmer sein möchtest. Update: 28.5. um 21 Uhr Wortscharmützel wieder im Weltecho!

Mehr Fotos zum Slam von Leon Weidauer und Patrick Schulze gibt’s nach dem Klick.

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