Ruhe(stand) und Ordnung oder Offenheit und Kulturerneuerung – zwei Entwicklungsperspektiven für Chemnitz, die aus dem Slogan „Stadt der Moderne“ begründbar sind. Für welche von beiden Alternativen sich die Bürger und die Politik entscheiden, hängt vor allem vom Verständnis für den Begriff der Moderne ab. Wir können die Moderne entweder rückblickend als abgeschlossen festlegen oder vorausschauend eine ständige Erneuerung anstreben. In seinem Vortrag im Soziologie-Kolloquium der TU hat Dr. Jens Kassner* am Mittwoch den Anspruch der Stadt darauf untersucht, ob gerade sie den epochalen Begriff verdient hat. So oder so habe Chemnitz ein Problem. Ziehe man aus der Neurologie die Parallele, wo die rechte Gehirnhälfte für Ästhetik und die linke für Rationalität stehe, so gleiche die Stadt nach Ausfall der rechten Hälfte einem Schlaganfall-Patienten, bei dem Reha-Maßnahmen dringend erforderlich seien.
Sein Plädoyer für Entwicklung und schnelle Hilfe setzt voraus, dass der seit zwei Jahren verwendete Slogan mehr ist als ein Werbespruch. Aber zunächst war die bekannte Frage abzuhandeln, ob denn der der Slogan auf Chemnitz zutreffe?
Die Diskussion um den Begriff der Moderne ist eine längere und recht theorielastige, soviel dürfte jedem Zuhörer klar geworden sein. Chemnitz hat den Slogan verdient, obschon die Moderne zusätzlich ein globales Zeitalter und schwerlich definierbar ist. Den Anspruch darauf, sich „Stadt der Moderne“ zu nennen, wurde sich in der Geschichte erarbeitet.
Der Begriff geistert schon seit 1886 durch die Geisteswissenschaften. Moderne als Gegenbegriff zur Antike – gegen die stille Zeit der „göttlichen Toten“ trete bei Emil Wolff eine „Arbeiterin“ – „eine alleinerziehende Mutter – von wilder Schönheit“ als Symbol für eine Wissende auf. Kassner nennt für Moderne die drei Merkmale Rationalismus mit fortwährender Erneuerung, Autonomie sowie teleologisches Streben. Im Bild ist dies heutzutage die junge Akademikerin mit Laptop unterm Arm. Die Diskussion um das Ende der Moderne führe zur Proklamation einer zweiten Moderne, die noch das Merkmal der Offenheit besitzt. Wohin führt eine solche Definition nun?
In der Geschichte traten vier Modernisierungsschübe auf, wobei es Brüche zwischen rationaler und ästhetischer Entwicklung gab. Der größte Bruch, um die Wende zum 20. Jahrhundert, wurde von der Verwaltung durch umfassende Bemühungen zur Defizitüberwindung ausgeglichen. Es entstanden Großbauten, progressive Produktgestaltung und der Grundstein für eine klassische Moderne in den 20ern. Es sei eine behutsame Moderne gewesen, die sich ans Stadtbild anzupassen versuchte und eine vielfältige Moderne mit dynamischen Formen und verspielten Elementen. Gegenwärtige attestiert er der Stadt einen ebensolchen Bruch:
Das größte Problem ist aber nicht im Bereich der Architektur und Infrastruktur zu suchen. Vielmehr steht die Schwäche der subkulturellen Freien Szene im krassen Gegensatz zur wirtschaftlich-technischen Modernität der Stadt. Eine Folge ist das spürbare Fehlen von Nachwuchs in fast allen Kunstsparten, auch in der zuvor so starken Bildenden Kunst. Eine andere ist das Manko an allgemeiner Lebensqualität wegen des Fehlens von Atmosphäre.
Damit der Slogan nicht zur retrospektiven Metapher herabsinke, schlägt Kassner im Sinne der eingangs erwähnten Offenheit und Erneuerung u.a. folgende Schritte vor:
- Aufbau von vielfältigen Möglichkeiten musischer Bildung,
- Schaffung eines aktiven Zentrums für Produktkultur,
- Etablierung eines kommunalen Gründerzentrums für Kreativberufe,
- schrittweise Einführung eines Bürgerhaushaltes,
- zeitlich befristeter Probelauf für ein bedingungsloses Grundeinkommen,
- schrittweise Deregulierung, u.a. Verschlankung der Polizeiverordnung auf ein Minimum,
- Freigabe ungenutzter Freiflächen für gemeinschaftliche Bewirtschaftung,
- Einrichtung von „Sonderlebenszonen“ mit Bewirtschaftung zum Selbstkostenpreis,
- konsequentes Ressourcenbewusstsein,
- Erschwerung von Wohnungsneubau an der Peripherie.
Dazu im Gegensatz stehen im Sinne von Sicherheit, Ordnung, Ruhe folgende Schritte, die eine Fortführung der Entwicklung der letzten Jahre bedeuten würden:
- Ausbau der juristischen Absicherung sicherheitsrelevanter Bestimmungen wie der lokalen Polizeiverordnung,
- verstärkte exekutive Umsetzung solcher Bestimmungen unter breiter Einbeziehung der Bevölkerung, u.a. in Ordnungskomitees und Bürgerwehren,
- weitere Beseitigung der Gefahrenquellen und ästhetischen Ärgernisse, die von leerstehenden Gebäuden ausgehen, durch Abriss,
- Ausdehnung der Grünanlagen und geschützter Erholungsbereiche auch im Stadtzentrum,
- gezielte Ausweitung der Angebote für Pflege, Betreuung, Wellness und Entspannung,
- bevorzugte Förderung von Kulturangeboten, die am Massengeschmack orientiert sind,
- offensive Segregation und Beobachtung von Problemgruppen.
Eines der beiden Modelle sieht Kassner als mögliches Szenario, einen Kompromiss kann er sich nicht vorstellen. Schließlich bewertet er die aktuelle Entwicklung anhand der Bewerbung für die Stadt der Wissenschaft 2011 sowie dem noch nicht beschlossenen Städtebaulichen Entwicklungskonzept (SEKo). In der Bewerbung findet er gute Ansätze wie den Umzug der TU in die Innenstadt, bemängelt aber die fehlende „Verknüpfung der wirtschaftlich-technologischen Innovation mit der geistig-kulturellen“, im SEKo sieht er „Kultur (…) nur als beigefügte Dekoration“. Ein ernüchterndes Fazit.
*Jens Kassner, 1961 geboren, ist studierter Politikwissenschaftler und promovierter Kunsthistoriker. Er hat den Slogan „Stadt der Moderne“ selbst mitgeprägt und ist Autor des in diesem Jahr erschienenen Buches „Chemnitz Architektur – Stadt der Moderne“. Der Leipziger Redakteur und Kulturmanager lebte bis 2006 in Chemnitz und war unter anderem Mitglied im Kulturbeirat der Stadt. Bis heute ist er Chemnitz z.B. im Netzwerk für Kultur- und Jugendarbeit e.V. oder als Kursleiter der Sommerakademie treu geblieben. Weniger kennt man ihn vielleicht als Blogger. In seinem Blog über Politik, Kunst und Literatur könnt ihr euch den Vortrag vom Mittwoch herunterladen.

